Europäischer Tag der Jüdischen Kultur am 06. September 2026 im Jüdischen Museum Creglingen

Der Europäische Tag der Jüdischen Kultur findet am 6. September 2026 gleichzeitig in rund dreißig Ländern statt. Das Motto lautet in diesem Jahr: „Love“. Das Jüdische Museum Creglingen beteiligt sich an diesem Tag mit zwei Angeboten:

15:00 Uhr Führung auf dem Jüdischen Friedhof Creglingen mit Ulrich Schönberger

19:00 Uhr Bibliographische Lesung mit Anke Heimberg
Anke Heimberg liest aus Victorias Wolffs Roman „Gast in der Heimat“.
Dieser Roman erschien Ende 1935 im renommierten Amsterdamer Exilverlag Querido.
1936 wurde er als „schädliches und unerwünschtes Schrifttum“ indiziert und in NS-Deutschland sofort verboten. 85 Jahre nach seinem Verbot hat die Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg den Roman im Berliner Aviva Verlag erstmals als deutsche Buchausgabe und begleitet von einem ausführlichen Nachwort neu herausgegeben.

Der Roman erzählt von den Großkaufmannsfamilien Dortenbach und Martell in einer württembergischen Kleinstadt Anfang der 1930er-Jahre. Die Protestantin Claudia Dortenbach und ihr jüdischer Ehemann, der Rechtsanwalt Helmuth Martell, fühlen sich Land und Leuten, Natur und Kultur ihrer schwäbischen Heimat fest und liebevoll verbunden. Familie, Kinder und Karriere laufen in den vorgezeichneten und gewünschten Bahnen. Sie fühlen sich sicher eingeordnet und zufrieden. Umso fassungsloser und anfangs wie betäubt erlebt Claudia sodann das kontinuierliche Erstarken und die Etablierung des Nationalsozialismus, das allmähliche Einsickern seiner Ideologie in Alltag und gesellschaftliches Leben ihrer Heimatstadt. Eindringlich beschreibt Wolff, wie sich einst vertraute Menschen unter dem wachsenden Einfluss der NS-Diktatur verändern und voneinander entfremden, wie Fanatismus, Ausgrenzung und Angst das Zusammenleben schnell zerstören. Claudia erlebt den Verlust von Sicherheit und sozialem Halt, bis ihr schließlich nur die Flucht in die Schweiz bleibt.

Die Autorin Victoria Wolff wurde 1903 als Tochter einer jüdischen Lederfabrikanten-Familie in Heilbronn geboren. Ende der 1920er-Jahre begann sie, erfolgreich Erzählungen, Reportagen und Romane über die Lebenswelten moderner ‚Neuer Frauen‘ zu veröffentlichen. Mit ihrer Emigration im Frühjahr 1933 ließ sich Victoria Wolff mit ihren Kindern im legendären Tessiner Künstlerdorf Ascona nieder, wo sie sich u. a. mit Tilla Durieux, Leonhard Frank, Erich Maria Remarque und Ignazio Silone anfreundete. Über Nizza und Lissabon gelangte sie 1941 in die USA. Nach mühsamen Anfängen konnte sie sich dort als Hollywood-Drehbuchautorin und als Romanautorin etablieren. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1992 starb Victoria Wolff im Alter von 88 Jahren in Los Angeles.

Die Herausgeberin Anke Heimberg studierte Deutsche Sprache und Literatur, Soziologie und Medienwissenschaften an den Universitäten Marburg und Wien; nach dem Studium u. a. Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Projekten der Frauen- und Geschlechterforschung und als Dozentin an der Universität Marburg. Sie ist Mitglied der Gesellschaft für Exilforschung e. V. und der AG Frauen im Exil. Sie lebt und arbeitet als freie Literaturwissenschaftlerin und Publizistin in Berlin mit den Schwerpunkten Biographien und Literatur von Autorinnen der 1920er-/1930er-Jahre und des NS-Exils. Im AvivA Verlag gibt sie die Werke der ‚vergessenen‘ Autorinnen Lili Grün (1904–1942) und Victoria Wolff (1903–1992) heraus.

Der Eintritt zu diesen Veranstaltungen ist frei, Spenden sind willkommen.